Das hört nicht auf. Trauma, Literatur und Empathie.

978-3892448105Hannes Fricke untersucht in seinem Buch „Das hört NICHT auf. Trauma, Literatur und Empathie" die Thematisierung des Traumas in der Literatur. Konsequent analysiert er aus literatur- und sprachwissenschaftlicher Sicht die spezifische Struktur der Texte, in denen die Erfahrungen traumatisierter Menschen gefasst sind.

Hannes Fricke hat hierfür 24 Texte der Weltliteratur ausgesucht. Analog zum „Lehrbuch der Psychotraumatologie" von G. Fischer und P. Riedesser ordnet Hannes Fricke diese Werke systematisch sieben Kategorien traumatisierender Ereignisse, bzw. Erfahrungen zu: 1. der überwältigende Moment, 2. Vernachlässigung, 3. Krieg, 4. Folter und organisierte Gewalt, 5. Flucht und Vertreibung, 6. sexualisierte Gewalt und 7. Täter. Diese Zusammenschau ist neu.

Nach einem kurzen einleitenden Überblick über die wichtigsten Ergebnisse der Traumaforschung, die dem Leser als fachlicher Hintergrund dienen sollen, beginnt Fricke mit seiner Untersuchung der literarischen Werke. Ihn interessiert dabei die Frage, mit welchen sprachlichen Mitteln und Strukturen und zu welchen Zeiten in der Literatur traumatisierende Erfahrungen niedergeschrieben worden sind. Für seine sehr sorgfältige Analyse gibt Fricke dem Leser eine kurze inhaltliche Zusammenfassung des jeweiligen Werkes, das er systematisch untersucht. Er hat dabei sehr unterschiedliche Texte ausgesucht: Batman und Moby-Dick z.B. für den überwältigenden Moment; Homer oder Tolkiens Der Herr der Ringe für den Krieg; Henning Mankells Zeit im Dunkeln und Günter Grass`Im Krebsgang für Flucht und Vertreibung oder unter der Tätererfahrung Bernhard Schlinks Der Vorleser und Thomas Harris Romantrilogie über die Figur des Hannibal Lecter.

Hannes Fricke taucht in die Geschichten ein und bewahrt zugleich analysierende Distanz. Er ermöglicht dem Leser eine ganz neue Perspektive auf diese Literatur, auf Ihre Figuren und Themen und dadurch auch indirekt auf die AutorInnen dieser Werke. Fricke hält dabei konsequent seine Untersuchungsperspektive bei. Gründlich, engagiert und bisweilen leidenschaftlich untersucht er die sprachlichen und strukturellen Formen, durch die sowohl traumatisierende Ereignisse beschrieben werden als auch die in den Texten vorhandenen Bewältigungsformen. Z. B. schreibt er zu Tolkiens Der Herr der Ringe zum Schluss: „Man kann den Roman damit entweder als unproblematische, bloße Unterhaltungsliteratur abtun - oder ihn als Versuch verstehen noch einmal in epischer Breite eine trotz ihrer Endzeitstimmung letztendlich harmonisch geschlossene Welt zu entwerfen, die Kriegern und Kampfgefährten eine Heimkehr und zumindest partielle Wiedereingliederung in die Gesellschaft ermöglicht." (S. 126) In der Comic-Reihe der Batmannfigur analysiert er die schematische Darstellung der Bilder auf dem Hintergrund intrusiver Bilder in überfordernden Momenten, bzw. triggernder Situationen. Anhand von Harris´ Romantrilogie zeigt H. Fricke das Phänomen der Täteridentifikation auf. Im Buch „Der rote Drache" gelingt eine Überwindung der Täteranteile nicht. „Aus traumatheoretischen Gesichtspunkten zeigt der Film den interessanteren Schluss. Dolarhyde scheint seinen strafenden Ichanteilen im Film wenigstens so weit entwachsen zu sein, dass er einen anderen in Schutz nehmen kann." (S. 211).

Mich selbst haben am meisten die Strukturanalyse des Comicaufbaus beeindruckt, sowie seine Untersuchung der Figur des Hannibal Lecter. Hier ist H. Fricke in sehr eindrücklicher Weise gelungen, in lebendiger Sprache einmal das Phänomen der Intrusion das andere Mal das der Täteridentifikation hervorzuheben.

Hannes Fricke gelingt mit seinem Buch zweierlei: Erstens wirft er einen thematisch focussierten Blick auf ausgewählte Werke der Literatur. Die veränderte Perspektive hilft, Bekanntes neu und vertiefend zu verstehen. Eine solche Quersicht der Literatur zu anderen Supervisoren interessierende Themen hat schon Peter von Matt in Liebesverrat und Verkommen Söhne, mißratene Töchter äußerst eindrücklich getan.. Zweitens stellt sein Buch eine Bereicherung für Fachleute dar, die im therapeutischen oder supervisorischen Rahmen mit traumatisierten Menschen arbeiten. Diesen gibt er Bilder und Bewältigungsansätze und vielleicht auch entlastende Identifikationsmöglichkeiten mit den Figuren in großen literarischen Werken. Auch das Scheitern von Bewältigung kommt zur Sprache, wie auch soziale und gesellschaftliche Aspekte. So kann die Frage nach der Wiedereingliederung in die Gesellschaft auch die eigene supervisorische Perspektive erweitern. Darüber hinaus sensibilisiert er literarisch interessierte Menschen für die Grausamkeit solcher die Grenzen des Menschen überschreitenden Erfahrungen und deren Bewältigungsversuche. Die tief greifenden Verletzungen und häufig persönlichkeitsverändernden Erfahrungen durch Folter, Krieg, Gewalt oder andere Trauma auslösende Ereignisse sind vielfältig in der Literatur beschrieben worden. Hannes Fricke ist es erstmalig gelungen, diese systematisch, beeindruckend und bereichernd zugleich zusammenzustellen.

Titel: Das hört nicht auf. Trauma, Literatur und Empathie.
Autor: Hannes Fricke
ISBN-13: 978-3892448105
Verlag: Wallstein
weitere Infos: www.amazon.de
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